Lyrik

handschriftliches Gedicht von Albert Stuwe auf der Rückseite einer Federzeichnung (1972) aus der Sammlung Spangemacher, Sünninghausen
handschriftliches Gedicht von Albert Stuwe auf der Rückseite einer Federzeichnung (1972) aus der Sammlung Spangemacher, Sünninghausen
DIE KÜNSTLER

Die, die man alleine läßt mit den Booten
vor dem roten Himmel.
Die, die man nicht sieht und nicht sehen will,
dann, wenn sie ein neues Lied gefunden haben.
– Schaue ihre Augen,
es sind die einzigen, die von der Sonne verbrannt
werden und dennoch sehen können.

Die, die du nicht vergißt,
wenn du mit ihnen gesprochen hast. –
Die, die da so seltsame Gedanken träumen,
die du nicht verstehst.
Die, die da schon vom ersten Tag an
mit Gott sprechen konnten –
O hab sie ein wenig lieb in dieser
wirren Welt.

Die, die da Flammen tragen, zu künden. –
Schaue sie an – und du verstehst
Den Anfang, und du verstehst,
warum das Ende.

IMPRESSIONEN (IN EINEM GARTEN)

– eine Birke, wie ein großer, elastischer Bogen,
voller hellgrüner Tupfen, wie gemalt –
und daraus singt eine Drossel
und alles dieses male ich.

Ein kleiner Putto darunter,
auf einem Seepferd reitend, ganz verträumt.
Das Wasser plätschert –
Und ich male dieses alles.
Das Wasser gebiert Schaum –
und ich denke an den Eimer voller Milch
einer melkenden Magd.

Das ist der Garten, den ich male.
Er ist voll, voller sensibler Gedanken.

Wenige zitternde Akeleien,
dazu einige unruhige Bienen und
der helle rauschende Wind –
und darüber der helle, singende Ton
von den Mühlen eines Zementwerkes.

DER DU ÜBER DIE WIPFEL …

siehst, Eremit,
der Du die Lehre Gottes im Gebet
an die Blumen besingst –
sei es die Feuerlilie, in ihrer brennenden Pracht –
oder der schillernde Fisch, der auf
den Sand geworfen wurde, der
da phosphoreszierend leuchtet unter den dunklen Blättern.
Du – der da schweigt über das Leid –.
Und zwischen den Blättern des Waldes
leuchtet das Rosa des Sonnenaufgangs.

ICH MÖCHTE LEBEN

in den Bildern und Landschaften,
die ich male –
zwischen den Sandbänken und Booten,
zwischen den Windmühlen und Türmen und
zwischen den geheimnisvollen Gebilden, über
deren Herkunft ich nichts weiß.
Ich möchte in der Vergangenheit leben,
in der Gegenwart und Zukunft –
ich möchte leben, ohne Schmerzen und Angst.

TEXT VON PAUL SCHALLÜCK ZU DEN GEDICHTEN VON ALBERT STUWE

»Da kommt nun einer – ALBERT STUWE – und träumt. Er kümmert sich nicht um Verbote, versteht das Wort unzeitgemäß nicht, will es nicht begreifen, missachtet modische Chiffren, geheimnisvolle Dunkelheiten, reagiert nicht auf Signale und Parolen, biegt vor dem Sprechzimmer um die Ecke, will nicht up to date sein – sondern träumen, träumend das Zerstreute sammeln: Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges; will träumend Anker werfen ins Gewesene und Kommende, um von der Gegenwart nicht verschaukelt zu werden. Nennt seine Angst unumwunden Angst, seine Not aufrichtige Not und bekennt, ein Träumer zu sein, einer, der seinen Ankerplatz sucht und deshalb den Markt verlassen und abseits bleiben muss, einer, der die Brille nicht trägt, die viele tragen. Er träumt in die Zukunft hinein mit der Angst seines Herzens – und sagt es; wehrt sich nicht gegen die Träume vom Vergangenen – und sagt es. Träumt in Versen ohne verbindlichen Reim und in Bildern ohne gleißende Farbe, träumt mit dem wörtlichen Wort und der raschen Feder. Man muss beides zusammen sehen: die Gedichte und die Bilder, die Verse und die Figuren, die Wörter und die Striche. Man muss beides zusammen lesen.«